März 2010: Schütz Johannespassion

Plakat Schuetz Johannespassion

Sa, 27. März 2010, 20.00 Uhr, Neckargemünd, kath. Stadtkirche
So, 28. März 2010, 19.00 Uhr, Weinheim, evang. Stadtkirche

Mitwirkende:
Barbara Mauch-Heinke (Violine)
Martin Steffan (Evangelist)
Jochen Braunstein (Jesus)
Ingo Wackenhut (Pilatus)
Konzertchor Dilsberger Kantorei
Leitung: Markus Karch

Die Johannespassion von Heinrich Schütz hat mit etwa vierzig Minuten Aufführungsdauer eine angenehme Länge, ist allerdings etwas zu kurz für ein ganzes Konzertprogramm. Deshalb habe ich für den heutigen Abend ergänzende Chorwerke ausgesucht, die inhaltlich und musikalisch auf die Passion hinführen.

Der schlichte Eröffnungsgesang “Herr, höre meine Worte … denn ich will vor Dir beten” mündet in ein Agnus Dei (“Lamm Gottes, Du nimmst hinweg die Sünden der Welt”) von Palestrina, dem wir ein gregorianisches Agnus voranstellen. Während das Agnus schon die zentrale Bedeutung der Passion benennt (Christus ist am Kreuz gestorben, um die Menschen zu erlösen), wird dieser Gedanke mit der Ostersequenz „Victimae paschali laudes“ weitergeführt: Die Auferstehung ist finales Ziel und Sinn der Passion. Die dann folgenden Chorsätze von Lotti („Fürwahr, er trug unsre Krankheit und trug unsre Schmerzen“) und Schütz („Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen Sohn dahin gab, auf daß alle …das ewige Leben haben“) beleuchten noch einmal mit anderen Worten die Bedeutung der Leidensgeschichte.

Ergänzt und bereichert wird dieser Programmteil durch Musik für Violine Solo. Barbara Mauch-Heinke spielt die Passacaglia g-moll von Heinrich Ignaz Franz Biber sowie zwei Sätze aus der Sonate a-moll von J. S. Bach.
Die Berichte vom Sterben Jesu und der vorausgehenden dramatischen Geschehnisse sind die ausführlichsten und die ältesten Texteinheiten unserer vier Evangelien, die nicht zuletzt ihrer Nähe zu den berichteten Ereignissen wegen durch Dramatik und Erzähldichte gekennzeichnet sind. Sie bilden die textliche Grundlage für die musikalische Ausformung in der Gattung der Passionen, die sich seit dem Ende des 14. Jahrhunderts – aus den szenischen Passionsspielen herausgewachsen – in Frankreich nachweisen lassen. Eine besondere Art dieser Musikgattung stellt die so genannte Responsorische Passion dar, ein Wechselgesang zwischen Evangelist, Einzelstimmen und Chören. Die erste deutschsprachige Passion wird Johann Walter (um 1530), einem Freund Martin Luthers, verdankt. Johann Walter schuf für den Text der Lutherbibel einen deutschen Passionston in Anlehnung an den römisch-lateinischen Passionston.

Die bekanntesten Responsorischen Passionen des 17. Jahrhunderts stammen von Heinrich Schütz (1585-1672), der in Köstritz bei Gera geboren wurde und in Weißenfels aufwuchs. Seine musikalische Laufbahn verdankt er dem Landgrafen Moritz von Hessen, der ihm ein Stipendium zum Musikstudium in Italien bei Giovanni Gabrieli, dem größten Meister der älteren venetianischen Schule, gewährte. Nach dreijähriger Studienreise kehrte Heinrich Schütz nach Deutschland zurück und leitete über fünf Jahrzehnte die Dresdner Hofkapelle, damals das führende Orchester in Deutschland. In Italien hatte er von der um 1600 aufkommenden Reform der Komposition profitiert und lernte dort nicht nur die Regeln des neuen monodischen, einstimmigen begleiteten Gesangs, sondern auch die Kunst des vielstimmigen und mehrchörigen Tonsatzes.

„Das Leiden unseres Herren Jesu Christi, wie es beschreibet der heilige Evangeliste“, mit diesem im 15./16. Jahrhundert liturgisch üblichen Text, der die Quellenangabe für das folgende Werk feierlich verkündet, lässt Schütz seine drei Passionen (Lukas 1653, Matthäus und Johannes 1666) beginnen, die in den Gottesdienst am Dresdner Hof liturgisch eingebunden waren. Die heute aufgeführte Leidensgeschichte (SWV 481) folgt dem Passionsbericht bei Johannes.
Der Evangelist rezitiert die Ereignisse, Jesus und andere Einzelpersonen führen in dialogischer Form durch die Handlung. Der Chor artikuliert die diversen Gruppen: die fragenden Jünger, die apodiktisch urteilenden Hohenpriester, die aufgehetzte Menge und die spottenden, zynischen Kriegsknechte. Gerade die Schlichtheit des unbegleiteten, psalmodierenden Gesangs der Solisten verbunden mit der dramatischen Kraft und Lebendigkeit der Chöre, die aus kurzen und prägnanten Motiven aufgebaut sind, entfaltet eine packende Wirkung, die auch noch den heutigen Hörer zu beeindrucken vermag.